Zuordnungsprobleme

Bald ist sie da, die WM. Ich freue mich. Freue mich auf die Spiele, die Tore, die Public-Viewings, all die Sachen, die das einzigartige WM-Gefühl entstehen lassen. Die Welt wird sich wochenlang nur um unseren geliebten Ball drehen, wenn sie das nicht schon lange tut.

Jetzt gibt es aber ein Problem: Die Türkei ist nicht dabei. Bei all der Euphorie, bei all der Vorfreude muss ich also immer im Hinterkopf behalten: mein Vaterland schaut nur zu. Jetzt ist die Frage, für mich wie für Millionen anderer Türken, die hier geboren und aufgewachsen sind: Sind wir für Deutschland? Fiebern wir mit den Deutschen mit? Dürfen, können wir das überhaupt? Weiterlesen

Totti sieht Rot

Francesco Totti ist beim AS Rom als gebürtiger Römer und langjähriger Kapitän eine Legende. Der geneigte Fussballbeobachter weiß aber auch schon seit Jahren: Der Francesco dreht ab und an mal ganz gerne durch. Spucken, Schlagen, Treten – alle Randaliermöglichkeiten, die es so auf dem Rasen gibt, packt Totti immer wieder in schöner Regelmäßigkeit aus. Trotzdem hatte ich nun schon eine ganze Weile von ihm nichts mehr gehört, gestern beim italienischen Pokalfinale saß er zunächst nur auf der Bank. In der zweiten Halbzeit kam er dann ins Spiel, und siehe da, Totti war wieder ganz der Alte und flog kurz vor Anpfiff gepflegt vom Platz. Aus aktuellem Anlass also, sind hier die Highlights aus Tottis Eskalationsgala: Weiterlesen

Up & Down, Teil 2

Wie nah Begeisterung und Verschmähung für Fussballer in der Türkei beieinander liegen, hatten wie ja vor einigen Monaten schon im Fall Darius Vassell gesehen. Hier ein weiteres Beispiel, das ebenso nicht vieler Worte bedarf und durch zwei Videos hinreichend erläutert wird:

So wurde Jo Alves vor drei Monaten nach seinem Wechsel vom FC Everton zu Galatasaray am Flughafen von Istanbul empfangen (am besten ab 2:15 anschauen):

Drei Monate, einige durchwachsene Leistungen und Gerüchte um ein ausschweifendes Nachtleben später gibt es für Jo statt selbst-komponierter Jubelarien inzwischen ohrenbetäubende Pfeifkonzerte im eigenen Stadion:

Rausreden für Dummies

Wer kennt das nicht: man hat Scheiße gebaut und muss sich dafür verantworten. Je nach Fall und Lage also entweder entweder entschuldigen, zu seinem Verhalten stehen oder sich geschickt herausreden.

Das Rausreden hat bei mir nie so gut geklappt, egal ob vor strenger Lehrerin oder strengen Eltern: wenn auf die schnelle eine gute Ausrede gefragt war, brachte ich nur ein errötetes Stammeln heraus, das mich jedesmal verriet. Nicht so Volkan D. Der ist Torwart der türkischen Nationalmannschaft und von Fenerbahce Istanbul, und der hat das mit den Ausreden raus. Der bleibt da cool, der bleibt locker, der tischt da mal eben seine Version des Geschehenen auf, die ihn von allen Anschuldigungen und Vorwürfen freiwäscht.

Volkan hat nämlich in der Nachspielzeit des Istanbul-Derbies, das man beim Erzrivalen Galatasaray mit 1-0 gewinnen konnte, einen harmlosen langen Ball mal eben mit dem Allerwertesten gestoppt und damit für Aufruhr bei den gegnerischen Fans und der Öffentlichkeit gesorgt:

Jetzt erklärte der Nationaltorwart sein Verhalten:

Fussball ist Show und Entertainment. Und ich wollte in diesem Moment die Leute unterhalten. Ich habe versucht, mich umzudrehen und den Ball mit meinem Rücken zu stoppen. Die Aktion wurde missverstanden. Es war nicht meine Absicht, den Gegner zu verhöhnen. Aber ich entschuldige mich dafür, dass ich für ein solches Missverständnis gesorgt habe.

Wer kann ihm da noch böse sein?

Messi.

Fussball ist Alltag.

Alle Infos, alle Details, Nachrichten, Gerüchte, Spielerporträts, sind heutzutage im Internet in ein paar Sekunden verfügbar, für jeden, den es interessiert.
Bei soviel Fussball werden Ungewöhnliche Dinge schnell zur Normalität, das Unglaubliche zur Gewohnheit. Da ist es mitunter schwer, den Blick für das Wesentliche zu bewahren und jenen als solchen zu erkennen.

Gewöhnt haben wir uns deshalb auch an die Messi-Schlagzeilen. „Messi mit erneutem Hattrick“, „Messi schießt Stuttgart ab“, „Der Zauber-Floh“.

Messi ist überall. In Schlagzeilen, in Torschützenlisten, auf Kindertrikots. Dass die Messi-Mania berechtigt ist, Weiterlesen

Jubel…?

Kleiner, kurzer Abstecher nach Youtube. Heute ein etwas verwirrendes Schmuckstück. Folgendes:

Der Linke, nicht identifizierbar, sicher aber spanischer Nationalspieler: springt auf.
Fabregas: hält es ebenfalls nicht auf dem Stuhl, klatscht danach freudig Casillas ab.
Der: nimmt das Freude-Abklatschen gelassen an.

Alle drei, scheinbar: sehr erfreut über das 1-0 der Türkei im Halbfinale der EM 2008 gegen Deutschland.

Da stellt sich natürlich die Frage: Warum freuten sich drei im Finale stehende spanische Nationalspieler mit der Türkei und gegen Deutschland?

Die von den im Video zu hörenden, türkischen Kommentatoren vorgeschlagene These wird wohl zutreffen:

„Gegen die Deutschen möchte keiner spielen. Niemand. Wir reden hier von Deutschland.“

Ronaldinho: geliebt, verschmäht, beobachtet

Wenn es ums Schlussmachen mit meinen Fussballhelden geht, bin ich eher der resolute Typ.

Denilson war anno 1998 mein Liebling bei der WM, hat aber unsere Beziehung mit seinem extremen Weltengebummle kaputt gemacht. Mein Lieblingsspieler kann nicht bei Hai Phong spielen, sorry.
Rivaldo schoss ich 2002 in den Wind. So eine Schmierentheateraktion lass ich mir schließlich nicht bieten.
Mit Ronaldinho war dann im Sommer 2008 Schluss. Zum Ende seiner anfangs fabelhaften Zeit beim FC Barcelona wurden die Tricks und die Tore immer weniger, die Kilos und Eskapaden dafür mehr, und Ronaldinho wurde nach Mailand abgeschoben. Das wars dann wohl, dachte ich. Machs gut, Ronnie.
Die Wahl des nächsten Helden wäre dann wohl auf Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi gefallen, wäre ich nicht langsam dem Alter der naiven-Fussballer-Anhimmlerei entwachsen.

Die erste Saison beim AC Mailand hat mich in meinem Abservieren des Ex-Zaubereres ziemlich bestätigt. Soweit ich das durch die Internetzusammenfassungsschnipsel der Spiele verfolgen konnte, ging da nicht mehr viel. Und dick sah er auch immernoch aus. Als dann noch Gerüchte über eine Rückkehr nach Brasilien aufkamen, schien die Karriere des Ronaldinho so gut wie gelaufen.

Dieses Jahr machte er aber in den Schnipsel auf youtube.com und Konsorten einen doch spielfreudigen und ziemlich comebackigen Eindruck. Zum jetzigen Zeitpunkt hat er insgesamt schon neun Tore erzielt und Vorlagen gegeben, während es letztes Jahr in der ganzen Saison deren 8 und 6 waren.

Und dann das Spiel am Wochenende gegen den AC Siena. Man schaue sich die folgende dreieinhalbminütige Zusammenfassung des Spiels an, ein einziges Ronaldinho-Festival. Tore, Sololäufe, herausgespielte Torchancen, Ronaldinho überall, spielfreudig wie eh und je. Die dreieinhalb Minuten erwecken den Eindruck, als habe er an diesem Abend all das nachholen wollen, was er in den letzten zweieinhalb Jahren nicht zeigen konnte bzw. gezeigt hat.

Eine Galaleistung gegen Siena bedeutet natürlich nicht, dass Ronaldinho auf seinem alten Barcelona-Weltfussballer-Level angekommen ist, eine steigende Tendenz und die Annäherung an die Leistung vergangener Tage sind aber durchaus erkennbar.

Und das ist doch schonmal sehr erfreulich. Auch wenn wir jetzt schon länger getrennt sind.

Up & Down

So wurde Darius Vassell im Sommer in der Türkei bei Ankaragücü empfangen:

So beschrieb er seine Situation im Dezember in seinem ziemlich beeindruckenden Blog:

Ich kann nicht schlafen, ich denke nur über meine vielen Probleme hier und deren Lösung nach..
Ich liege im Bett und das Geräusch der Klimaanlage klingt wie der Motorraum eines Zuges voller gestressten Gedanken.

Lass ich jetzt einfach mal so stehen.

Neapel, 1987

Anstatt Ereignisse aus der Vergangenheit im Opa-Modus („Ja der war damals richtig gut“ – „Und dann hat der abgezogen, direkt in den Winkel!“) zu erzahlen, reisen wir einfach mal an Ort und Stelle, und zwar hier und jetzt.
Die Zeitreise geht zum wohl besten Fussballer Zeiten zu seiner wohl besten Zeit, zu Diego Armando Maradona nach Neapel.
Nicht zu dick anziehen, wir landen im Hochsommer 1987 in Süditalien, da wirds heiß zugehen. Jeder an den Plätzen, alle angeschnallt? Dann kanns ja losgehen. Und ab dafür.

18.Mai 1987

Neapel dreht durch.

Die ganze Stadt ist hellblau eingefärbt, es herrscht komplettes Chaos, überall Gesänge, Tänze, Autokorsos, Verletzte gibt es auch schon, nach Polizeiangaben 80 Stück, von denen Einem sogar das Bein amputiert werden musste. Hellblaue Menschenmassen wohin man schaut, der Schlachtruf „Forza Napoli!“ wohin man hört. Was ist denn passiert? Weiterlesen

GARRINCHA

Manoel Francisco dos Santos, so Garrinchas eigentlicher Name, wurde 1933 in Pau Grande bei Rio de Janeiro geboren.

Und schon nach diesem einen Satz ist es genug mit der herkömmlichen Fussballer-Biografie-Sprache a lá „Er fing bei FC X das Fussballspielen an und schoss Y Tore…“, denn Garrincha war kein herkömmlicher Sportler. Zu aussergewöhnlich, unglaublich, schön ebenso wie tragisch sollte dafür sein Leben verlaufen. Weiterlesen