Zuordnungsprobleme

Bald ist sie da, die WM. Ich freue mich. Freue mich auf die Spiele, die Tore, die Public-Viewings, all die Sachen, die das einzigartige WM-Gefühl entstehen lassen. Die Welt wird sich wochenlang nur um unseren geliebten Ball drehen, wenn sie das nicht schon lange tut.

Jetzt gibt es aber ein Problem: Die Türkei ist nicht dabei. Bei all der Euphorie, bei all der Vorfreude muss ich also immer im Hinterkopf behalten: mein Vaterland schaut nur zu. Jetzt ist die Frage, für mich wie für Millionen anderer Türken, die hier geboren und aufgewachsen sind: Sind wir für Deutschland? Fiebern wir mit den Deutschen mit? Dürfen, können wir das überhaupt?
Der Versuch einer Beantwortung dieser Frage führt mich unmittelbar zu der nächsten, zu einer viel größeren und wichtigeren Frage, die für die Betrachtung der ersten Frage von immenser Bedeutung ist: Was bin ich eigentlich? Bin ich wirklich noch Türke, oder bin ich Deutscher?

Ich habe mein bisheriges Leben hier in Deutschland verbracht. Ich spreche die deutsche Sprache besser als jede andere. Ich mag das Land, ich habe hier meine Freunde, meine Freundin, meine Familie, mein Studium, meine Fussballmannschaft, mein Leben findet in Deutschland statt. Trotzdem muss ich damit klarkommen, dass es bei Auswärtsspielen meiner Mannschaft vorkommen kann, dass mich ein Rentner vom Seitenrand nach einem harten Foulspiel als „verdammten Schwarzkopf“ beschimpft.
Ich liebe es, in die Türkei zu fahren. Ich besuche gern die Heimatdörfer meiner Eltern und halte den Kontakt zu meinen dortigen Verwandten aufrecht. Mit meinem gleichaltrigen Cousin und seinen Kumpels verbringe ich dann viel Zeit in allen möglichen Ecken Istanbuls. Es ist immer eine schöne Zeit, seine Kumpels sind inzwischen auch zu meinen geworden, ich mag sie. Sie haben mir aber den schmucklosen Beinamen „Deutscher“ verpasst, „Almanci“, ein Begriff, der extra für die türkischen Landsleute in Deutschland geschaffen wurde. Sie meinen es nicht böse, sie mögen mich, sie sagen es einfach so, „Hey Deutscher, heute abend gehts ab!“, und lachen dabei. Ich lache auch, nehme es ihnen nicht übel, aber frage mich trotzdem, ob ich denn nun in meiner Heimat bin oder ob ich mich als Gast fühlen sollte, als Fremder.
Und wenn ich hierzulande unter meinen türkischen Bekannten oder Freunden bin, sind Deutsche sehr oft Gesprächsthema, sehr selten nur kommen sie dabei aber gut weg. „Ach, typisch deutsch“ heißt es dann oft, von „Kartoffeln“ ist oft genug die Rede.

Machen wir uns nichts vor: zwischen Deutschen und Türken hapert es, noch immer. Das wird niemandem neu sein.
Und das macht es Menschen wie mir, die zwischendrin und ein wenig verloren sind, nicht einfacher.

Als ob das alles nicht schon genug Gefühlschaos und Identitätskrise wäre, rollt nun eine Weltmeisterschaft an, bei der die eine Seite meiner geteilten Nationalität garnicht vertreten ist, die andere sehr wohl, und dabei auch noch zwei Spieler dabei hat, die genau wie ich Grenzgänger zwischen den Herkünften sind. Na toll. Was jetzt?
Soll ich es wie viele meiner Artgenossen halten, Serdar Tasci und Mesut Özil verfluchen, sie als „Verrätertürken“ beschimpfen, und der deutschen Mannschaft gleichgültig gegenüberstehen, meine Unterstützung verweigern?
Soll ich das Land meiner Jugend und meines Heranwachsens als „mein“ Land akzeptieren und Deutschland die Daumen drücken? Mit allem, was dazu gehört, Schwarz-Rot-Gold auf die Wangen und ab zum Public Viewing?

Eingangs hatte ich gesagt, dass für die Beantwortung dieser Fragen eine eindeutige Klärung meiner Nationalität nötig ist. Doch wie man sieht, ist diese nicht so einfach, fast nicht möglich. Ich versuche es schon seit längerem, doch ich kriege es nicht hin, ich finde nicht diese eine, klärende Antwort, die alles regelt.
Was werde ich also machen, wenn Deutschland im WM-Finale steht und Mesut Özil das entscheidende Tor schießt, Deutschland zum Weltmeister macht?

Ganz einfach: Ich werde mich freuen.
Und diese ganzen Fragen, die ganze Deutsch-Türkisch-Geschichte wird in dem Moment ganz, ganz weit weg sein.

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2 Kommentare zu “Zuordnungsprobleme

  1. Hier Feedback: 🙂

    Zunächst einmal großes Lob für die immer qualitativ hochwertigen Artikel, ich wünsche Dir weiter viel Spaß und Lust, möge Dir die Inspiration nie verloren gehen…:-)

    Nun zum Thema. Fußball ist ja immer irgendwie ein Spiegelbild der Gesellschaft. Mit den Özils und Tascis wird hierzulande leider immer noch recht unbeholfen umgegangen. Entweder ignoriert die Journaille deren Wurzeln oder thematisiert das in einem unerträglich übertriebenen Maße. Dann müssen die Jungs Spätzle essen oder Lederhosen anziehen und sich wie Klischeedeutsche verhalten. Leider kann man inzwischen keine Rumpelstilzchenbilder von Fatih Terim mehr zeigen, dem Testosteron-Klischee-Anatolier.

    Wie dem auch sei, es ist kein gutes Gefühl, die Jungs da zu sehen, denn sie wirken zumindest auf mich immer noch unnatürlich dort. Wenn der Tag kommt, dass es selbstverständlich ist, dass die Nationalmannschaft bunt ist, wenn man akzeptiert, dass die neuen Deutschen durchaus auch muslimisch sein können oder die Mustafas und Alis auch Bier und Haxe mögen, dass Einwanderung auch die Integration der Deutschen in eine neue Gesellschaft bedeutet, dann wird das auch eine Mannschaft für alle Einwohner des Landes sein.

    Zum Thema Almanci: Ich möchte bezweifeln, dass man nach ein paar Jahren in der Türkei immer noch der Almanci wäre. Für die kurze Zeit des Urlaubs lass ich das durchgehen, ich denke aber, dass die Integrationskraft der türkischen Gesellschaft weitaus größer ist als hierzulande.

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