Die Kunst des Abgangs

Die Auswechslung ist an sich ein unspektakulärer Prozess: Spieler A geht, Spieler B kommt. Doch nicht jeder Abgang ist gleich, und die Art des Spielfeld-Verlassens sagt oft einiges über den ausgewechselten Spieler und das laufende Spiel aus.

Der stumme Rollenspieler
An dieser Auswechslung ist aber tatsächlich alles unspektakulär: der Ausgewechselte (Rollenspieler, der zur Abwechslung einen Platz in der Startaufstellung bekam), der Vorgang (Rollenspieler sieht seine Nummer, sprintet schnell zur Seitenlinie, klatscht ab und setzt sich artig auf die Bank), die Reaktionen (bei Heimspiel vielleicht gerade noch ein warmer Applaus).

Der Gefeierte
Hier wirds schon ein wenig bunter. Kurz vor Schluss bekommt ein Spieler, der eine überragende Leistung geliefert hat, von seinem Trainer die Belohnung für seine Gala-Vorstellung, nämlich: einen tosenden Applaus der Anhänger. Der Gefeierte wird gefeiert und nimmt die Jubelarien gerne an, klatscht der Tribüne über seinem Kopf ebenfalls Beifall zurück, klatscht den Trainer ab, klatscht die ganze Bank ab, setzt sich hin, versucht, nicht gerade auf die ihn gerichteten Kameras zu schauen. Prototyp: die Auswechslung Ronaldos im Champions-League Viertelfinal-Rückspiel bei (!) Manchester United nach drei erzielten Toren im Jahre 2003:

Der Gediegene
Es gehört zum Fussball heutzutage dazu wie Schuhe aus Carbon: das Zeitschinden. Liegt man kurz vor Ende des Spiels knapp in Führung, werden die allgemein geltenden Tricks ausgepackt: mit dem Ball zur Eckfahne, dort zwei Gegenspieler so lange mit der Rückansicht frustrieren, bis einer von ihnen zum Frustfoul greift; sich bei der kleinsten Berührung hinschmeißen und minutenlang vor Schmerzen krümmen, beim Einwurf erst einmal schön den Ball mit der Trikotvorderseite durchputzen. Und auch der Trainer macht da schön mit: er nimmt in den Schlussminuten einen Offensivspieler runter und stellt einen Abwehrspieler an die Seitenlinie. Für den Auszuwechselnden das Zeichen: schön ruhig machen. Den eigenen Fans Beifall klatschen, dem Schiri vielleicht noch kurz die Hand schütteln (Was soll das eigentlich?), dem Hereinkommenden noch gute Tipps mit auf den Weg gegen. Der Gefeierte und der Gediegene treten naturgemäß oft in Kombination auf.

Der Randalierer
Hier gehts rund. Der Randalierer ist nicht so leicht zu definieren und tritt in den verschiedensten Erscheinungsformen auf: mal ist der Randalierfaktior schwächer ausgeprägt (Spieler sieht seine Nummer auf der Anzeige des vierten Schiedsrichters, schüttelt den Kopf, verweigert seinem Coach den obligatorischen Handschlag und läuft direkt in die Kabine), mal gehts komplett drunter und drüber: Trikot ausziehen und auf den Boden schmeißen, vor der Ersatzbank herumliegende Gegenstände durch die Gegend treten, die Wut des zumeist exzentrisch veranlagten, auswechselten Spielers kann auf mehrere Arten ausgedrückt werden. Zu Mainstream wurde der Randalierer dank Giovanni Trapattoni und Jürgen Klinsmann: Trap holte Klinsmann runter, der gestikulierte ein „Mir reichts aber sowas von!“ mit seinen Händen, schimpfte Trap beim Vorbeilaufen noch hinterher, den kümmerte das wenig, der gab lieber seiner Elf taktische Anweisungen. Das brachte Klinsi dann wohl mehr auf die Palme und so kam es zum allseits bekannten Tritt in die Werbetonne eines japanischen Batterieherstellers. Hier der Prototyp der Randalierer-Auswechslung in bewegten Bildern:

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4 Kommentare zu “Die Kunst des Abgangs

  1. Es gibt auch den Ignorierten.
    Der will raus, aber der Trainer spielt nicht mit. Mourinho hat mal Ibrahimovic ignoriert, toll anzusehen, aber irgendwie fragwürdig. Machtspiele? Disziplinierung? taktische Beweggründe?

    Dazu kommen etliche Konstellationen des Verletztseins oder Verletztspielens um Zeit zu schinden bei der Auswechslung und natürlich Rehagels „Ich hab zu viele Nicht-EU-Ausländer auf dem Feld“-Wechsel, darüber hat sich nicht nur die Bank amüsiert.

  2. Beim Ignorierten handelt es sich genau genommen auch nicht um eine Auswechslung, weil der Trainer dem Wunsch nicht nachkommt.

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