2 Feinde

Ich war 18, er war schon Mitte 30. Wir spielten im selben Team. Sein Name war Rolf.
Wir waren zwei Gegensätze in Kickschuhen: er der Familienvater, der jeden Tag Nachtschicht schafft und für den Fussball noch der traditionelle Fussball ist: harte Arbeit, immer auf die Knochen, die eigenen seit Jahrzehnten auf Dorfsportplätzen hingehalten, dem Gegner immer schön eine mitgeben, egal ob Spiel oder Abschlusstraining. Ich dagegen der junge Frischling, für den Fussball immer noch das Spiel von der Straße ist, das mit den Kumpels zusammen gelernt wurde, für den die damals geltenden Regeln immer noch von Bedeutung sind: Fussball ist ein schönes Spiel, also soll mein Spiel auch schön sein. Dribbeln, gerne und oft ins 1-gegen-1, Spielertyp Mimose, die es nicht gern hat, wenn ihm jemand auf die Socken steigt. Wir gerieten im Training oft aneinander, er, der Klopper und ich, der Feingeist, wen wunderts. Ich hatte nichts gegen ihn, doch ich konnte auch nicht viel mit ihm anfangen. Er redete ständig über seine nächtliche Bandarbeit, er erzählte dumme unlustige Witze, er lachte über sie.

Weiterer Unterschied zwischen uns, damals: Er spielte, ich saß auf der Bank. Regelmäßig. Bei ihm wusste der Trainer, was er in den 90 Minuten bekam. Er gab ihm einen festen Gegenspieler und wies ihn an, diesen zu zermürben. Er konnte zwar nicht wirklich Fussball spielen, der Rolf, doch das Zermürben, ja, das muss man ihm lassen, das konnte er. Ich dagegen war aus Trainersicht eine Wundertüte: mal Gold, mal Holz. Ich konnte meine Fähigkeiten nicht in die Situation eines Fussballspiels übertragen, wurde im Spiel nervös, konnte plötzlich vor lauter Aufregung einfachste Bälle nicht mehr stoppen.

So kam es vor einem Spiel zu einem kurzen, an sich überaus unwichtigem Gespräch zwischen ihm und mir, das für mich persönlich aber stark an Bedeutung gewinnen sollte. Wir schlenderten vor einem Spiel über den Rasen und begutachteten diesen. Wir taten zumindest so, eigentlich taten wir nur das was man von den Profis kennt und inzwischen von jeder Amateurmannschaft nachgemacht wird. Dabei redeten wir kurz. Es war nicht einmal ein richtiges Gespräch, es war eher ein kurzes Hin-und-Werfen von Belanglosigkeiten, Smalltalk, sonst nichts.

Ich: Heute muss was gehen.
Er: Ja, die hauen wir weg.
Ich: Aber echt schönen Rasen ham die hier.
Er: Ja…Schade, dass du nie spielst!

Und er lachte dabei. Ich denke nicht, dass er es böse meinte, doch ich war böse getroffen. Das Spiel fing an, ich saß mal wieder, Rolf holzte wieder vor mir durch die Gegend. Ich schaute dem Treiben auf dem Rasen und seinem Grätschkonzert zwar zu, innerlich aber führte ich wilde Selbstgespräche:

Was zur Hölle ist eigentlich los mit dir? Du spielst im Training Ex-Profis an die Wand und sitzt Woche für Woche auf der Bank und schaust diesem Antikicker zu? Ein Zidane lupft die Kugel in einem WM-Finale unter die Latte und du zappelst beim Versuch, vor 500 Zuschauern einen stinknormalen Pass anzunehmen?

Und wie ich so dasaß, im Provinzregen auf einer alten Holzbank schwer mit mir selber zaudernd, wurde mir eins plötzlich klar.
Es war nicht richtig. Rolf spielte immer, ich spielte nie. Und jetzt machte er sich auch noch darüber lustig? Ein Spieler, der in seiner Karriere mehr Notwageneinsätze als Tore produziert hatte? Nein. Ich sollte mich von Rolf nicht belächeln lassen. Ich sollte nicht Woche für Woche peinlich berührt sein, wenn mein jedes Spiel sich anschauende Vater am Seitenrand ankam, mir zuwinkte und mir einen Mach-dir-nichts-draus Gesichtsausdruck rüberschickte. Kleiner Spaß hin oder her, die Kernaussage des Satzes war klar: Jungchen, du musst noch viel lernen. Hast es noch nicht drauf. Setz dich lieber mal auf die Bank und schau zu, wie ich den gegnerischen Spielmacher misshandele. So gings nicht weiter. Ich musste was ändern.

Kurz darauf wechselte Rolf in eine Mannschaft aus der Spielklasse darunter. Zwei Jahre nach dem Gespräch kreuzten sich hier unsere Wege. Er war gewechselt, weil er in der Ortschaft des neuen Vereins wohnte, mich hatte der Verein mit der Hilfe bei der Suche nach einem Studienplatz gebunden.

Und hier kommt die Geschichte von Rolf und mir in der Gegenwart an: Ich bin nun Anfang 20, er geht auf die 40 zu. Wir sind wieder in einem Team. Wir sind immernoch nicht die besten Freunde. Er haut mich immernoch in jedem Trainingsspiel um.
Fast alles gleich, außer: Ich spiele, er sitzt. Ich: habe das Problem mit dem Zitterfuß in den Griff bekommen, bin gesetzt, bringe meine Leistung. Mein Vater kann inzwischen ein wenig stolzer schauen, wenn er mir beim Ankommen am Platz zuwinkt. Er: sitzt Woche für Woche auf der Bank, er stänkert immer wieder dagegen an, in der Kabine, bei Sitzungen, doch er kommt nicht mehr in die Mannschaft.

Ob ich Genugtuung verspüre? Auf jeden Fall. Ob das unangebracht ist? Keine Ahnung.
Doch ja, es gefällt mir, so wie es jetzt ist. Ich mag es, Rolf auf der Bank zu sehen. Rolf ist für mich das Zeichen dafür, dass ich seit unserem Gespräch damals auf dem Rasen als Fussballer einen Schritt nach vorne gemacht habe. Ich habe ihn in meiner Gedankenwelt als Hindernis aufgebaut, als Gegner, den es zu besiegen gilt. Wir spielten in einer Mannschaft, doch wir waren Feinde.
Vielleicht steigere ich mich zu sehr in die Sache mit Rolf hinein. Vielleicht war es wirklich überhaupt nicht böse gemeint von ihm damals. Vielleicht sollte ich Mitleid mit ihm verspüren, mit dem Fast-40er, der nicht mehr durch die Fussballplätze der Nachbarorte pflügen darf. Doch ich habe kein Mitleid.

Ich spiele, er sitzt.

11 Freunde müsst ihr sein? Da lach ich drüber.

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