Der Tod des Justin F.

(Für alle, die diesen Blog hier nicht schon gelesen haben…)

Hat Homosexualität einen Platz im Fussball?
Diese Frage wird seit langem in unzähligen Interviews, Reportagen und Diskussionen behandelt. Dieser Blog wird auch gar nicht versuchen, dieses komplexe Thema in all seine Einzelteile zu zerlegen, denn die Geschichte eines Mannes namens Justin Fashanu sagt darüber genug und viel mehr aus als jede Expertenmeinung.

Die fussballerische Laufbahn des Justin Fashanu ist auf den ersten Blick nicht besonders dramatisch.

Der Engländer wird 1979 mit jungen 17 Jahren bei Norwich City zum Fussballprofi und gilt schnell als Riesentalent. In seiner dritten Saison erzielt der großgewachsene, athletische Stürmer 22 Treffer, eines davon macht ihn landesweit berühmt: Fashanu erzielt mit einem spektakulären Drehschuss gegen Liverpool das „BBC Goal of the Season“.

Das Tor läuft wochenlang auf jedem Sender, ein kommender Star ist geboren. Nottingham Forrest, damals als frischgebackener Titelverteidiger des Europapokals der Landesmeister noch eine große Nummer im europäischen Fussball, greift sich das Juwel im Sommer 1981. Fashanu wird mit 20 Jahren zum ersten schwarzen Fussballer, für den in England eine Millionensumme gezahlt wird und steht kurz vor dem Schritt zum Superstar.

Doch aus dem erhofften Durchbruch wird ein Desaster:
In Nottingham bringt er es nur auf 3 Treffer in 31 Einsätzen und wird nach nur einer Saison abgeschoben. Im weiteren Verlauf seiner Karriere wird aus dem Talent ein Wandervogel: in den folgenden 15 Jahren spielt er für 19 Vereine auf der ganzen Welt, hat mit permanenten Knieproblemen zu kämpfen und beendet seine Karriere schließlich wenig glamourös mit 37 Jahren im amerikanischen Atlanta.

Ein hoffnungsvolles Talent, das hoffnungslos unterging. Als schnell verglühten Stern am Fussballhimmel unterscheidet Fashanu oberflächlich betrachtet nicht viel von ewigen Talenten wie einem Ricardo Quaresma, einem Alvaro Recoba oder Lars Ricken.

Doch Justin Fashanu ist schwul.

Und sobald die ersten Menschen das mitbekommen, bekommt der Fussballer Fashanu Probleme.
Zu seinen Zeiten in Nottingham kommen immer wieder Gerüchte auf, dass der Fussballstar häufig in Schwulen-Nachtclubs unterwegs ist. Brian Clough, nicht gerade ein Vertreter der sanften Trainersorte, ist der vorlaute, charismatische und schlagfertige Fashanu von Anfang an ein Dorn im Auge. Als er die Gerüchte mitbekommt, will er ihn loswerden.
Clough nennt Fashanu vor versammelter Mannschaft „eine verdammte Schwuchtel“ und suspendiert ihn vom Trainingsbetrieb. Als der sich weigert, das Gelände zu verlassen, ruft der Trainer die Polizei, die Fashanu schließlich abführt.

Die Gerüchte halten an, und die Gerüchte sind wahr. Nach jahrelangen Verspottungen und Anfeindungen entscheidet er sich 1990, mittlerweile die besten sportlichen Jahre zwar lange hinter sich, doch immer noch aktiv, zum Coming-out.

„Eine Million Pfund teurer Fußballstar: Ich bin schwul“ titelt die Sun-Zeitung.

Fashanu sieht in seinem Outing einen Befreiungsschlag, eine Erlösung vom jahrelangen Versteckspiel. Doch das öffentliche Geständnis bringt wenig überraschend verheerende Auswirkungen mit sich: Medien und gegnerische Fans verhöhnen ihn, die schwarze Gesellschaft nennt Fashanu einen Verräter und Freunde und Bekannte wenden sich von ihm ab.

Am schlimmsten aus Justins Sicht ist das Zerwürfnis mit seinem Bruder John. Beide wurden in Nigeria geboren, von ihren Eltern in ein Waisenhaus abgegeben und später von einem englischen Paar adoptiert.
John ist ebenfalls Fussballprofi und will das Coming-out seines Bruders kurz vor der Veröffentlichung mit aller Macht verhindern, er bietet ihm 80.000 Pfund, die Summe, die die Sun für die Story zahlt, wenn Justin auf die Sache verzichtet. Doch der lässt sich nicht beirren, und John bricht den Kontakt ab: „Mein schwuler Bruder ist für mich ein Ausgestoßener“ sagt er.

Spottende Medien, anfeindende Fans, ausstoßender Bruder. Derselbe Mensch, der 10 Jahre zuvor noch ein gefeierter Hoffnungsträger war, ist nun auf einen Schlag auf sich allein gestellt.
Man kann durchaus darüber streiten, ob Fashanu selbst einen Anteil daran hat, denn es ist bekannt, dass er einige Geschichten um angebliche Affären erfunden hat, um in die Zeitungen und an leichtes Geld zu kommen. Dass er gerne im Mittelpunkt steht und es anfangs teilweise genießt, aufgrund seiner Homosexualität derart in der Öffentlichkeit zu stehen. Doch das ändert nichts daran, dass ihn seine sexuelle Orientierung und sein Bekenntnis dazu zum Außenseiter machen und dass Schwulsein und nichts anderes der einzige Grund für die Isolation Fashanus ist.

Fashanu wandert schließlich in die USA aus und beendet hier seine Karriere. 1998 wird er der Vergewaltigung beschuldigt und flüchtet nach England. Es wird berichtet, dass er per internationalem Haftbefehl gesucht werde. Fashanu verfasst daraufhin in seinem Versteck folgende Notiz: „Als öffentliche Person schwul zu sein, ist hart. Ich habe niemanden vergewaltigt. Ich bin weggerannt, weil ich als Homosexueller vorverurteilt wurde. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben.“

Als er einmal nach dem wahren Grund für sein Outing gefragt wurde, gab Fashanu an, dass ein ihm bekannter, homosexueller Teenager von seinen Eltern aus dem Haus geworfen wurde und sich daraufhin das Leben nahm. „Ich wollte etwas positives dafür tun, dass solche Selbstmorde aufhören, also habe ich mich entschieden als gutes Beispiel voranzugehen.“

Sein Vorhaben ist gescheitert.
Am 2. Mai 1998 wird Fashanu selbst tot in einer Garage gefunden.
Er hat sich erhängt.

Später wird sich herausstellen, dass es keinen Haftbefehl gab und das Verfahren aufgrund mangelnder Beweise schon eingestellt war.

An alle Fussballer: Sind wir wirklich alle so? Ist Fussball nicht das weltweit geliebte Spiel, das jeder immer überall spielen können sollte, wenn er will? Oder ist unter uns nur Platz für die, die so funktionieren wie ein Fussballer zu funktionieren hat: Hart, männlich, hetero. Kein Platz für Schwächen. Schwule sind schwach. Also kein Platz für Schwule.

Wird sich jemals etwas daran ändern?

John Fashanu sagte nach Justins Tod, dass er sich mitschuldig am Tod seines Bruders fühlt und erklärte sein ablehnendes Verhalten mit folgenden Worten, die wohl stellvertretend für viele andere stehen:

„Ich glaube wir alle fürchten uns vor dem, was wir nicht verstehen.“

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