Neapel, 1987

Anstatt Ereignisse aus der Vergangenheit im Opa-Modus („Ja der war damals richtig gut“ – „Und dann hat der abgezogen, direkt in den Winkel!“) zu erzahlen, reisen wir einfach mal an Ort und Stelle, und zwar hier und jetzt.
Die Zeitreise geht zum wohl besten Fussballer Zeiten zu seiner wohl besten Zeit, zu Diego Armando Maradona nach Neapel.
Nicht zu dick anziehen, wir landen im Hochsommer 1987 in Süditalien, da wirds heiß zugehen. Jeder an den Plätzen, alle angeschnallt? Dann kanns ja losgehen. Und ab dafür.

18.Mai 1987

Neapel dreht durch.

Die ganze Stadt ist hellblau eingefärbt, es herrscht komplettes Chaos, überall Gesänge, Tänze, Autokorsos, Verletzte gibt es auch schon, nach Polizeiangaben 80 Stück, von denen Einem sogar das Bein amputiert werden musste. Hellblaue Menschenmassen wohin man schaut, der Schlachtruf „Forza Napoli!“ wohin man hört. Was ist denn passiert?

Ganz einfach: heute Mittag hat der SSC Neapel 1-1 gegen den AC Florenz gespielt und sich damit die italienische Meisterschaft gesichert, zum ersten Mal in der 60-jährigen Vereinsgeschichte.

Der Grundstein für diesen Erfolg wurde schon vor drei Jahren gelegt, als der damals 23-jährige Diego Armando Maradona für die Rekordsumme von 24 Millionen Mark vom FC Barcelona nach Neapel wechselte.

Die Verwirrung war groß: Wie kann sich dieser unbedeutende, mittelmäßige Provinzclub den besten Fußballer des Planeten leisten? Was will Maradona bei einer Mannschaft, die in der damals abgelaufenen Saison den Klassenerhalt mit nur einem Punkt Vorsprung geschafft hatte? Wie lange würde der Exzentriker es wohl in Neapel aushalten?
Hier der Weltstar, dort die heruntergekommene, verarmte Provinzstadt, wie sollte das gut gehen?
Genau dieser Gegensatz sollte aber der Grund für den Erfolg und die tiefe Verbundenheit der Beziehung Neapel-Maradona sein. Doch der Reihe nach:

In Barcelona wollten sie ihn schon nach zwei Jahren nicht mehr,obwohl sie Maradona bei seiner Ankunft noch als Heilsbringer gefeiert hatten. Zu exzentrisch, zu skandalträchtig war er außerhalb des Platzes, und so blieb von seiner Zeit eher eine Reihe von Skandalen in Erinnerung als seine überragenden fussballerischen Fähigkeiten: Lokalverbot in der ganzen Stadt, Ärger mit Trainer Udo Lattek ( „Der will aus mir einen 10 000-Meter-Läufer machen“), angezettelte Schlägerei beim spanischen Pokalfinale vor den Augen des Königs. Bernd Schuster, Maradonas Mannschaftskollege und immernoch beim FC Barcelona tätig, über dessen Einstellung: „Diego war eigentlich nur einmal fit, das war in Andorra, wo wir in einem Sporthotel lebten, in dem es keine Disco und keine Bar gab, dort ging Diego um ein Uhr schlafen.“
Das Genie auf dem Platz war ein einziges Chaos im Alltag, und Barca hatte keine Lust mehr.

Dann der große Transferknall: Maradona nach Neapel! Neapel?

Was wie ein ungleiches Paar aussah, wurde zu einer unvergleichlichen Liebesgeschichte. Bei seiner Ankunft wurde Maradona von 80.000 Leuten im San-Paolo Stadion begeistert empfangen, und sportlich ging es in den vergangenen drei Jahren schnell bergauf: achter Platz in der ersten gemeinsamen Saison, letztes Jahr dann schon Dritter, und jetzt also die Krönung, der Meistertitel.
Das Fussballgenie hat den erfolglosen Klub innerhalb von drei Jahren durch sein schieres Talent an die Spitze der stärksten Liga der Welt gezerrt, und dafür wird er geliebt, bewundert, fast schon vergöttert.

Um die Bedeutung dieser Meisterschaft und die Liebe zu Diego Maradona zu verstehen, muss man die allgemeine Situation der Stadt und vor allem die gesellschaftliche Stellung in Italien betrachten.

Norditalien und Neapel, dass sind zwei Welten innerhalb eines Landes.
Hier die Welt der gehobenen Bürger, dort die verarmte Südmetropole.
Oben Industrialisierung und Wohlstand, unten Kriminalität und Dreck.
In Neapel fühlte und fühlt man sich schon immer an den Rand der Gesellschaft gedrängt, vom Staat vernachlässigt und dem Norden unterlegen. Diese Unterlegenheit und das Minderwertigkeitsgefühl der Neapolitaner wurde durch den Fussball noch bestärkt: Während der SSC vor sich hin dümpelte, machten die Nordmächte Inter Mailand, AC Mailand und Juventus Turin Meisterschaften und Pokalsiege unter sich aus.
Doch dann kam Maradona.
Er hat durch seinen Zauber auf dem Platz eine ganze Region aus einer großen Depression befreit, er hat sie freigedribbelt, hat sie an den Feinden aus dem Norden vorbeigeschossen und ihnen die Meisterschaft gebracht. Für die Menschen hier ist er mehr als ein Fußballer, er ist der Hoffnungsträger, das Idol, der Trostspender einer ganzen Region, die eingefleischten Fans haben das Motto: „Lieber mit Maradona hungern als ohne ihn“.

Wenn man durch Neapel läuft, merkt man es sofort:
Maradona ist hier ein Gott.

Er ist überall. Die Wände in den Straßen der Armenviertel sind mit seinem Konterfei oder Sprüchen wie „Viva Maradona“ und „Forza Maradona“ geschmückt, in den Wohnungen steht das Bild des Ballvirtuosen neben dem der heiligen Madonna, auf Werbeschildern liest man von der Maradona-Pizzeria oder dem Maradona-Ölwechsel. In den Gassen bieten Verkäufer mit dem so innig geliebten Helden bedruckte Fahnen und Regenschirme an, sogar Hunde bekommen einen Maradona-Umhang. Es ist einfach nur eine unglaubliche Verehrung, wohl die größte, die ein Fußballer jemals irgendwo erhalten hat.

Es wird spannend zu beobachten sein, wie die bisherige Erfolgsgeschichte weitergehen wird. Ist Neapel ab sofort eine Fußballmacht in Italien, oder wird der Titel eine Einsaisonfliege bleiben? Wird Maradona weiterhin so zaubern können, ohne dass sein turbulentes Privatleben seine Leistungen beeinflusst?

Wenn man die Vergötterung Maradonas in Neapel mitbekommt, kann man sich nicht vorstellen, dass diese Beziehung eines Tages zu Ende gehen könnte. So sieht es auch Karl-Heinz Rummenigge, zurzeit auch in Italien bei Inter Mailand unter Vertrag. Als vor einiger Zeit Gerüchte laut wurden, dass der FC Bayern Maradona verpflichten wolle, meinte Rummenigge dazu nur:

„Wer den Maradona hier rausholen will, der muß schon eine kugelsichere Weste anlegen.“

Selbst dann wäre es wohl unmöglich.

(i) So, die Zeit ist rum, lasst uns zurückfahren. Hey,Du da, komm weg von dem Stand, das Maradona-Trikot kriegst du auch bei Ebay, hier wirst du nur abgezockt. Und was meinst du, wie der Verkäufer schaut, wenn du deine Euro-Scheine auspackst. Also kommt, alle wieder einsteigen!

Was danach passierte: Der Erfolg hielt über die nächsten Jahre an, dem ersten Meistertitel folgte noch ein Pokalsieg im gleichen Jahr, sowie eine weitere Meisterschaft und der Gewinn des UEFA-Pokals in den folgenden Jahren. 1991 der Bruch: Maradona flüchtete nach einem Dopingbefund in seine Heimat, nach Italien kehrte er 13 Jahre lang nicht mehr zurück. Er wird heute noch immer in Neapel wie ein Heiliger verehrt.(/i)

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