Harry erobert Istanbul

Als der Australier Harry Kewell im Sommer 2008 ein Angebot von Galatasaray Istanbul bekam, kam der Transfer für ihn absolut nicht in Frage. Heute ist er dort der Leitwolf und Liebling der Massen. Eine australisch-türkische Liebesgeschichte – mit offenem Ausgang.

Im Juni 2008 stand Harry Kewell als Fussballer am Scheideweg.

Nachdem er 1996 mit 17 Jahren für Leeds United in der Premier League debütiert hatte, zeigte er in den folgenden Jahren sehr gute Leistungen, wurde zum „Young Player of the Year“ gewählt und erreichte 2001 mit Leeds das Halbfinale der Champions League. 2003 konnte er sich dann regelrecht ein europäisches Topteam aussuchen: Die englischen Big Four, Barcelona, der AC Mailand, alle wollten sie ihn verpflichten. Am Ende ging Kewell nach Liverpool.

Die 5 Jahre in Liverpool standen von Anfang an unter keinem guten Stern, aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit konnte der Australier keine Saison konstant durchspielen und daher nie richtig Fuß fassen. Nach zahllosen Verletzungen und Rückschlägen verloren am Ende Verein und Fans die Geduld. Zeitungen behaupteten, dass Kewell den Verein pro verletzungsbedingt verpasstem Spiel 300.000 Pfund koste. Am Ende waren beide Seiten froh über die Trennung.

So stand Kewell im Sommer letzten Jahres also ohne Verein da, doch Interessenten gab es genug: u.a machten einige englische Klubs und der AS Rom ein Angebot. Und Galatasaray Istanbul.

„What? No.“ so lautete nach eigener Aussage sein erster Gedanke, als er vom Interesse aus der Türkei hörte. Dass es am Ende doch zum Transfer kam, hatte vor allem einen Grund: Respekt.
„Sie zeigten mir den Respekt, den die anderen Vereine vermissen ließen.“ Was er damit meint, wird durch die Aussage seines Beraters deutlich: „Die anderen Vereine redeten nur von seiner Verletzungsanfälligkeit und versuchten so, die Gage zu drücken. Galatasaray dagegen sagte uns: Sagt uns nur, was ihr braucht.“
Regelmäßige Flüge zur Familie nach England? Kein Thema.
Eigener Physiotherapeut? Ok, zahlen wir.

Kewell begriff den Transfer vor allem als Chance auf einen Neuanfang, den er nach der enttäuschenden Zeit in Liverpool brauchte: „Ich habe hier die Nummer 19 gewählt, die ich schon in Leeds hatte. Für mich persönlich ist das ein Zeichen, zu sagen: Was zwischen Leeds und jetzt passiert ist, vergiss es einfach.“ Für jemanden, dessen Kindheitstraum es war, einmal für den FC Liverpool zu spielen, sind das ziemlich bittere Worte. Kewell schloss also das 13-jährige Kapitel England und wagte den Schritt ins Unbekannte.

Zweifel waren angebracht und wurden schnell laut. Die englische Öffentlichkeit, die Leeds-Fans (Galatasaray-Anhänger töteten im Jahr 2000 zwei Leeds-Fans), die australische Heimat, alle waren sie skeptisch: Was will Kewell in der Türkei? Bringt ers überhaupt noch? Das wars wohl für ihn.
In der Tat hatte der Transfer ein gewisses Risiko, und zwar vor allem für Kewell. Er war jetzt mit 29 im besten Fussballeralter und bekam nach frustrierenden Jahren eine neue Chance abseits des europäischen Fussball-Rampenlichts. Aber jetzt musste was gehen. Wenn es in der Türkei nicht klappen würde, dann wäre es das wohl wirklich für ihn. Das alles in einem völlig neuen Umfeld, in einem neuen Land mit einer fremden Sprache. Der Transfer war vor allem ein Experiment, und man durfte gespannt sein.

Jetzt oder nie, Harry. Comeback oder Bedeutungslosigkeit.

Der Anfang war dann schonmal sehr vielversprechend: erstes Spiel, türkischer Supercup gegen Kayserispor. Kewell wird in der zweiten Hälfte eingewechselt, köpft seine erste Ballberührung ins Tor und bereitet den zweiten Treffer vor. Beim ersten Einsatz hatte er mal eben im Alleingang den Supercup entschieden, und auch im Laufe des Jahres wurde vor allem eins klar: Er hats noch drauf. Nach einem sehr guten ersten Jahr konnte er sich diese Saison sogar noch steigern: er ist nach eigener Aussage fit wie noch nie und mit bislang insgesamt schon 14 Toren und 5 Vorlagen dieses Jahr der überragende Spieler seiner Mannschaft und absolute Führungsfigur.

Seit Georghe Hagi wurde wohl kein Spieler bei Galatasaray mehr so verehrt und bejubelt : Jeder zweite Fan trägt das Trikot mit der Nummer 19, vor jedem Spiel wird Kewell in jede einzelne Stadionkurve gerufen um sich von den Fans feiern zu lassen. Während dem Spiel gibt es regelmäßig ohrenbetäubende Harry-Kewell-Gesänge in allen Variationen zu hören.


Nicht sehr kreativ, die Hauptaussage wird aber deutlich..

Der Grund für die Begeisterung? Wenn die Leute in der Türkei über Kewell reden/schwärmen, fällt immer das Wort „profesyonel“: Kewell setzt sich ohne Murren auch mal auf die Bank, stellte sich im wichtigen Viertelfinale im Uefa-Cup gegen den HSV im letzten Jahr in den Dienst der Mannschaft und aufgrund Verteidigermangels hinten rein in die Innenverteidigung, wo er einen hervorragenden Job machte. Nach einer Niederlage in Bursa beschwerte er sich bei der Rückfahrt nach Istanbul bei seinem Bruder, der ihn zu der Zeit besuchte, über die mangelnde Hingabe seiner Kollegen: „Sie müssen auch neben dem üblichen Training an sich arbeiten. Ich versuche immer wieder, das den jungen Spielern zu erklären, doch nach dem Training verlassen viele von ihnen sofort das Gelände.“

Kewell kommt immer zwei Stunden vor Traininsbeginn und bleibt auch nach Ende der Übungseinheit auf dem Vereinsgelände, um mit seinem Physiotherapeuten zu trainieren. Angesprochen auf seinen Tagesablauf in Istanbul, sagt er: „Eigentlich nur trainieren, essen, schlafen. Zwischendrin spiele ich ein wenig Xbox, das wars. Sonst arbeite ich einfach rund um die Uhr.“
Ein Fussballer der seinen Beruf noch im wörtlichen Sinne versteht, bei solchen Worten läuft den Fans das Wasser im Mund zusammen.

Und auch Kewell fühlt sich nach eigener Aussage im neuen Umfeld sehr wohl: „Istanbul ist eine fantastische Stadt, und an unsere Fans kommen nicht einmal die Liverpool-Fans heran. Wenn irgendjemand behaupten würde, dass ihre Anhänger besser seien als unsere, würde ich Geld dagegen wetten. Ich habe noch nie bessere Fans gesehen.“

Istanbul liebt Harry, Harry liebt Istanbul, alles passt.

Doch ein Problem gibt es.
Das Problem ist eigentlich noch keins, nur ein potenzielles. Vielleicht ist es auch gar keines. Für die Anhänger von Galatasaray ist es auf jeden Fall jetzt schon ein großes Problem. Verwirrend, oder? Der Reihe nach:

Kewells Vertrag läuft im kommenden Sommer aus. Mit jedem verstreichenden Tag und seiner ansteigenden Form nehmen die Spekulationen und mit ihnen die Nervosität der Fans zu. Die ewig wild hin und herspekulierende Presse lässt sich da natürlich mal wieder nicht lumpen: mal sollen verschiedene Clubs aus Europa daran interessiert sein, ihn zurückzuholen, mal soll sogar der große Erzrivale Fenerbahce dem Feind seinen Liebling stehlen wollen, ein anderes Mal soll Kewells Ehefrau, die weiterhin in England als Schauspielerin arbeitet und deshalb mit den drei Kindern in dort geblieben ist, von ihm eine Rückkehr dorthin verlangen.

Dass der letztgenannte Grund, nämlich die große Entfernung zu seiner Familie, ihm tatsächlich zu schaffen macht, daraus macht Kewell keinen Hehl. Er ist monatelang von ihnen getrennt und muss eine 9 Stunden-Reise auf sich nehmen, um seine Frau und Kinder zu sehen. Und auch an den Interessenten aus Europa wird was dran sein, denn wenn er schon zum Ende seiner enttäuschenden Zeit in Liverpool mehrere Angebote vorliegen hatte, wird das europäische Interesse dieses Jahr angesichts seiner hervorragenden Form kaum geringer sein.

Wie geht es also weiter? Diese Frage wird Kewell zurzeit in jedem Interview gestellt, doch der hält sich bislang bedeckt: „Es sind noch 6 Monate bis dahin. Ich fühle mich sehr wohl hier und würde gerne bleiben, doch es liegt nicht in meinen Händen. Es spielen viele Faktoren eine Rolle.“ Geübte Zwischen-den-Zeilen-Leser wissen genau, was Fussballer mit solchen Aussagen eigentlich sagen wollen: Schaun mer mal. Weiß noch nich so genau. Kann schon ganz gut sein, dass ich nen Abgang mach.


Nach jedem Tor von Kewell geben die Fans eine Harry Kewell-Version von Boney Ms Daddy Cool zum Besten

Während Kewell also noch etwas unentschlossen scheint, sind die Fans da schon entschiedener, Die sehen das nämlich eher so: Schaun mer garnix, du bleibst hier! Aufgeschreckt durch die Gerüchte und Nachrichten, die einen Abgang ihres Helden prophezeiten, wurde eine regelrechte Kampagne gestartet, um den Liebling zum Bleiben zu bewegen und den Vorstand unter Druck zu setzen. So war am Samstag im letzten Heimspiel ein „Stay with us Harry“ Plakat zu sehen, dazu wurde eine gleichnamige Webseite erstellt. Einer der dortigen virtuellen Unterschreiber droht sogar mit einem Hungerstreik, falls der „Wizard of Oz“ Galatasaray verlassen werde.

Für Kewell selbst werden sich bei der Entscheidung vor allem zwei Fragen stellen: Auf der Erfolgswelle hier am Bosporus weiterreiten oder noch einmal die Herausforderung suchen? In der Türkei von alles und jedem gefeiert werden oder einen zweiten Versuch starten, sich in einer Topliga durchzusetzen?
Der Schritt in die Türkei hat seinen Zweck erfüllt, die aktuelle Situation Kewells an sich ist ideal: topfit, erfolgreich, vergöttert. Doch wird ihm das ausreichen? Dem Spieler, der als der beste gilt, den Australien je hervorgebracht hat? Dem begnadeten Fussballer, der als Teenager aus seinem Heimatland auswanderte, um Europa zu erobern?


Kewells Treffer zum zwischenzeitlichen 2-1 im Uefa-Cup Achtelfinale gegen Bordeaux in der letzten Saison

Dass er sich selber noch nicht ganz schlüssig ist, darauf lassen einige seiner Aussagen über sein Fussballerleben in der Türkei schließen. Während er in allen Interviews zwar über Verein, Stadt und Fans schwärmt, wird an manchen Stellen doch deutlich, dass die Süper Lig nun einmal eine andere Welt ist als die Premier League, in der er aufgewachsen ist. „Technisch sind die Spieler hier alle auf einem sehr hohen Niveau. Der größte Unterschied zur Premier League ist das Defensivverhalten. Hier will jeder offensiv spielen und nach vorne rennen. In den wichtigen Spielen halten sich die Spieler zwar an die taktischen Vorgaben, in den restlichen Spielen geht es oft drunter und drüber. Wenn dein Innenverteidiger mit dem Ball an dir vorbeirennt, ist das schon frustrierend.“ So sehr es ihm in der neuen Heimat gefällt und so sehr er dies auch öffentlich immer wieder betont: dass die Süper Lig mit den europäischen Spitzenligen nicht mithalten kann, ist Kewell natürlich bewusst.

Egal wie Harry Kewell sich entscheiden wird, ob Vertrag verlängern oder zurück nach Europa wechseln, in seinen eineinhalb Jahren bei Galatasaray hat er sich durch Leistung und Auftreten in die türkischen Herzen gespielt bzw. verhalten. Er hat trotz der vielen anfänglichen Bedenken einen großen Schritt gewagt und wurde mit einem neuen Schub für seine ins Stocken geratene Karriere belohnt. Kewell ist wieder da.

Unabhängig von der Entscheidung und davon, wie und ob die Beziehung Kewell-Galatasaray weitergeht, steht für alle Seiten daher eins jetzt schon fest:

Das Experiment hat sich gelohnt.

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2 Kommentare zu “Harry erobert Istanbul

  1. Ich hoffe natürlich sowie alle anderen Galatsarayanhänger, dass Harry uns nicht verlässt.

    Er ist ein enormwichtiger Spieler für uns der für uns auch wichtige Tore geschossen hat.

    Harry du bist bei Galatasaray immer Willkommen!

    We love you! 😀

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