Schuss, „Gooool“

Escobar.

Wer sich mit Kolumbien befasst, wird unweigerlich auf diesen Namen und die dazugehörigen Assoziationen stoßen.
Pablo Escobar.
Mafiapate, Drogenkönig, Mörder, Tod. Alles bekannt.
Ein Name, der durch seinen Träger und dessen zugehörige Lebensgeschichte stellvertretend für all das steht, was in diesem Land seit Jahrzehnten schief läuft.

Andrés Escobar, der gestern vor 15 Jahren ermordete Fussballer, soll hier nicht als eine Art symbolischer Widerpart seines Namensvetters verklärt werden, als ein Heilsbringer, der in der Lage dazu gewesen wäre, diesen verschmutzten Namen und damit das Ansehen seines Landes vollständig reinzuwaschen.

Überhaupt scheint ein Vergleich der beiden auf den ersten Blick abwegig: Gut, gleicher Nachname, gleiches Land, das wars aber auch schon.
Keine Verwandtschaft, keine anderen erkennbaren Parallelen.
Pablo war der vielleicht größte und brutalste Drogenhändler aller Zeiten, Andrés war ein zwar grundsolider und angesehener, aber nicht gerade weltberühmter Fussballer.

Wo ist also der gemeinsame Nenner, die Verbindung zwischen den beiden Escobars?

Vor der WM 1994 in den USA waren die Erwartungen in Kolumbien sehr hoch. Die mühelose Qualifikation inklusive einer 5-0-Gala gegen Argentinien in Buenos Aires hatte die Fachwelt beeindruckt, Pelé zählte die Elf um Valderrama sogar zu den Favoriten.
Nach der Niederlage im ersten Spiel gegen Rumänien wurde die Anspannung noch größer. Die Spieler spürten allmählich den Druck aus der Heimat und auch den Einfluss der Drogen- und Wettmafia, Trainer Hernan Gomez bekam Morddrohungen, wenn er nicht nach dem Willen der Unterwelt aufstellte. Die Spieler waren diesem Druck nicht gewachsen, Andrés Escobar leitete mit seinem Eigentor gegen die USA die Niederlage und damit das Ausscheiden der Mannschaft ein.

Zehn Tage später wurde er in Medellin erschossen, die Umstände wurden nie vollständig geklärt. Doch da der Mörder Muñoz Castro ein Fahrer und Bodyguard eines der Drogenkartelle war und diese durch das Ausscheiden viel Geld durch verlorene Wetten verloren hatten, gilt es als sicher, dass Escobar wegen dem Eigentor sterben musste.

„Einige Leute halten Fussball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!“

Dieses Zitat von Bill Shanky ist ja nett gemeint und soll den Wert des Fussballs und die Liebe derer, die ihn spielen oder verfolgen, ausdrücken. Wenn man aber den Tod Andrés Escobars und dessen Gründe betrachtet, erscheint einem dieser Spruch einerseits als blanker Hohn, andererseits aber auch als traurige Wirklichkeit.

Klar, ein Eigentor ist der Alptraum eines jeden Fussballers. Was gibt es schon Schlimmeres, als bei dem Versuch, einen Angriff des Gegners abzuwehren, diesen selber zu vollenden? Jeder Kreisligaspieler weiß um die Gefühle in solch einem Moment: Schock, Verzweiflung, das Gefühl, das eigene Team im Stich zu lassen. Wenn das dann auch noch einem Nationalspieler bei einem entscheidenden Spiel einer Weltmeisterschaft passiert, umso schlimmer.

Doch ein Eigentor als Mordmotiv? Ein unabsichtliches, sportliches Missgeschick als Todesgrund?
Man könnte dazu sagen: Das ist doch krank, Fussball ist doch nur ein Spiel! Was redet dieser Bill Shanky davon, dass es sogar um mehr als Leben und Tod geht, das soll der mal den Hinterbliebenen sagen!

Das mag stimmen. Fussball ist nur ein Spiel. Eigentlich. Doch all die Einflüsse, Umstände und gesellschaftlichen Auswirkungen, die der Fussball mit sich bringt, nehmen ihm manchmal diese vermeintliche Unschuld. Dabei kommen verheerende Begleiterscheinungen zustande, dem so schönen und beliebten Spiel wird eine hässliche Fratze aufgedrückt : Korruption, Manipulation, Gewalt in verschiedenen Formen. Und in diesem Fall sogar Mord.

Am 02.Juli 1994 trafen somit die Schicksale der beiden, so verschiedenen Escobars zusammen. Die von dem Einen über Jahrzehnte geprägte, kriminelle Unterwelt nahm dem Anderen das Leben. Der Fluch seines Nachnamens hatte Andrés, den Fussballer eingeholt. Diesen Zusammenhang machte der Mörder auf groteske und erschütternde Weise noch einmal deutlich: bei jedem Schuss schrie er „Goool“.

Der Drogenhandel und die Kriminalität in Kolumbien sind bis heute ungebrochen.
Der Mörder ist inzwischen wieder auf freiem Fuß.
Andrés Escobar ist seit 15 Jahren tot.

Zur Hölle mit Pablo Escobar.
Zur Hölle mit Muñoz Castro.
Zur Hölle mit jedem Menschen und jeder Gruppierung, der oder die jemals versucht hat, dem Fussball seine Unschuld zu nehmen.

Ruhe in Frieden, Andrés Escobar.

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