Gastarbeit mal andersrum

Rollenspiel. Du bist Fussballer. Profi. Nach einigen Jahren stehst du an einem wichtigen Punkt deiner Karriere, denn dein Vertrag läuft aus. Begehrt wie du bist, flattern auch schon die ersten Angebote ins Haus. Dein aktueller Verein will dich behalten, klar. Und auch einige andere Vereine aus deiner Heimatliga zeigen Interesse, für die ganz großen Fische in Europa reicht es noch nicht. Und dann ist da noch ein Angebot aus der Türkei..Türkei?

Die Affinität des türkischen Fussball für ausländische Fachkräfte, egal ob aktiv oder leitend, hat ihren Ursprung in der Amtszeit des Jupp Derwall in Istanbul.

Nach dem Ausscheiden in der Vorrunde der EM 1984 hatte der damalige Bundestrainer in seinem Heimatland, in dem er immer schon kritisch gesehen und spöttisch „Häuptling Silberlocke“ genannt wurde, keine Zukunft mehr. Schon immer schien er der Fachwelt zu weich für den Posten des Nationaltrainers zu sein, und nach der schwachen EM schossen sich Boulevard und Fans gleichermaßen auf Derwall ein, sein Rücktritt war die logische Folge.
Zur Überraschung aller nahm er gleich danach ein Angebot von Galatasaray in der Türkei an. Dort kannte man Taktik und Fitness nur aus dem Sportlexikon und international kam man in schöner Regelmäßigkeit unter die Räder. Galatasaray war 17 Jahre lang nicht mehr Meister geworden und setzte alle Hoffnungen auf den neuen Deutschen.
In der Türkei selbst hat Deutschland seit jeher einen hervorragenden Ruf, und so hört man als hier lebender Türke im Heimaturlaub immer das Gleiche : He Deutscher, wie ist es denn dort so? Hat wirklich jeder mit 18 schon sein eigenes Auto? Du fährst doch bestimmt einen Mercedes oder? Verdient man in Almanya wirklich so leicht gutes Geld?
Diese Bewunderung wird und wurde auf den Fussball eins-zu-eins übertragen. Und so hieß es damals bei den Anhängern: Jetzt muss doch was gehen, der Herr Nationaltrainer Derwall! Aus Deutschland!
Und Herr Derwall enttäuschte nicht. Mit seiner offenen und symphatischen Art machte er sich bei den Fans beliebt und durch seine modernen Trainingsmethoden hob er seinen neuen Arbeitgeber auf ein neues Niveau. Unter seiner Leitung gewann der Verein nach der langen Durststrecke in nur vier Jahren je zweimal die Meisterschaft und den Pokal. Heute trägt das Trainingsgelände des Vereins seinen Namen und Derwall ist der Hauptgrund dafür, dass der türkische Fussball sich seit jeher auch durch ausländische Beihilfe definiert.

Zurück zum Rollenspiel. Der türkische Verein bietet dir ein stattliches Gehalt, viel mehr als du bei deinem aktuellen oder den anderen in Frage kommenden Klubs bekommen würdest. Außerdem hast du vor ein paar Jahren Bilder von Ailton mit Krone am Bosporus gesehen und auch von Christoph Daum weißt du, dass er dort wie ein Heiliger behandelt wird. Du kommst ins Grübeln. Türkei? Geld und Verehrung, schön und gut, aber bekommt man da überhaupt, was versprochen wurde? Und sind die Fans und die Presse nicht etwas zu fanatisch?

Wenn man in der Türkei sein Geld mit Fussball verdient, ist vieles anders, überraschend, neu, manchmal auch schockierend, erdrückend.
In den letzten Jahren haben viele große Namen den Weg an den Bosporus gewählt. Milan Baros, Roberto Carlos oder Harry Kewell hatten zwar sicherlich nie das Ziel, einmal in der Süperlig zu spielen, konnten aber trotzdem nach Istanbul gelockt werden, sei es aus finanziell-, alters- oder leistungsbedingten Gründen.

Der Verlauf des Aufenthalts in dem Land hängt von vielen Faktoren ab und kann für sie alle Facetten bereithalten, von Freude, Erfolg und Neue-Heimat-finden bis Enttäuschung, Verloren-Sein und schnellstmöglicher Flucht.
Ausländische Spieler oder Trainer werden immer hochgejubelt, bevor sie auch nur einen Fuß in das Land gesetzt haben, und die fanatische Leidenschaft der Fans erreicht unglaubliche Höhen, die Medien stehen dem in Nichts nach. Man wird entweder hochgejubelt oder verschmäht, eine Grauzone zwischen den Extremen gibt es nicht. Wenn ein ausländischer Transfer unter Dach und Fach gebracht wird, gehört ein gebührender Empfang am Flughafen durch Vereinsführung und Fans inklusive Sprechchören und Auf-Schultern-Tragens zum guten Ton.

Das kann jedoch schnell vorbei sein. Eine Niederlage im Stadtderby -egal ob gutes Spiel oder schlechtes Spiel, egal ob nur einzelne Spieler versagt haben oder alle- und schon kann es sein, dass die Fans versuchen die Autos der Spieler zu stürmen oder den Mannschaftsbus mit Steinen schmücken.

Das ist aber meistens schnell vergessen. Wenn die türkische Öffentlichkeit einen Fussballer in sein Herz geschlossen hat, lebt dieser wie ein Fürst. Der Weg dorthin ist am Ehesten mit folgender Kombination zu erreichen: gute Leistungen verbunden mit einem exzentrischen Charakter.So hat es schon so mancher zur Vereinslegende gebracht.Gheorghe Hagi bei Galatasaray, Christoph Daum gleich bei zwei Klubs (Besiktas und Fenerbahce), Pascal Nouma bei Besiktas.

Nouma? Nicht bekannt? Nun, in der Türkei schon. Sogar mehr als das, bei den Besiktas-Fans wird er vergöttert. Nouma schoss während seiner Zeit in Istanbul (2000-01 und 2002-03) einige schöne Tore, aber was fast noch wichtiger schien, war seine unglaubliche Solidarität mit dem Club und den Fans. Er hatte keine Berührungsängste und machte sich mit seiner humorvollen und unterhaltenden Art viele Freunde. Bei seiner zweiten Ankunft ließ er unter Tränen verlauten: „Dieses Stadion ist meine Heimat, hier gehöre ich her! Niemand bringt mich hier wieder weg, begrabt mich in diesem Stadion!“ Deswegen hallt heute noch sein Name durch seine vermeintliche Wunsch-Begrabungsstätte.
Doch auch bodenständige Spielertypen a lá Fabian Ernst können in der Türkei sehr beliebt werden. Ernst kam im Winter zu Besiktas und stabilisierte von Anfang an das Mittelfeld. Vor kurzem wurde er Meister, verdient sehr gut und bekam den wunderschönen Spitznamen „Deutscher Panzer“ verpasst. Was will man mehr?

Also was tust du? Annehmen?
Das Fussballerleben in der Türkei ist komplex: Himmel und Hölle, Held und Loser, Glück und Enttäuschung sind nah beieinander, wechseln sich ab und vermischen sich. Eines ist aber sicher: es wird was los sein. Und die Chancen stehen gut, dass es eine schöne Zeit wird. Viel Erfolg in der Türkei, Junge!

Ach nee halt, war ja nur ein Spiel…Schade.

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